Vegetarier und Veganer sind essgestört – Kommentar zum Spiegel TV Beitrag „Das große Fasten“

Februar 10, 2015 - 11:15 am No Comments

Bild: Screenshot Spiegel TV Magazin

Am vergangenen Sonntag strahlte RTL den Spiegel TV Beitrag „Das große Fasten“ aus. Angekündigt wurde eine Reise durch die essgestörte Republik Deutschland. Wer hier eine Reportage über Adipöse, Magersüchtige oder Bulimiekranke erwartet hat, lag völlig falsch. Denn die Essgestörten von denen hier die Rede ist sind laut den Autoren Bernd Jacobs und Alexander Neubacher Vegetarier, Veganer und Flexitarier. Da blieb mir mein Möhrchen doch direkt im Halse stecken.

In Indien sind über 40% der Bevölkerung essgestört
Ich musste mir in meinen 6 Jahren als Veganerin ja schon so einiges anhören, aber dass ich essgestört bin hat mir noch niemand vorgeworfen. Eine Essstörung wird dadurch gekennzeichnet eine zu hohe oder zu niedrige Energiezufuhr zu haben, was das nun mit Vegetariern, Veganern und Flexitariern zu tun hat, ist mir nicht ganz klar. In Deutschland leben rund 7,8 Millionen Vegetarier (rund 10 % der Bevölkerung) und 900.000 Veganer (rund 1,1 % der Bevölkerung). Wenn man eine essgestörte Nation also danach definiert, wie viel oder wie wenig Fleisch bzw. tierische Produkte sie isst, hätte man die Reportage doch am besten nach Indien verlegen sollen. Etwa 40% der Inder beschreiben sich laut mehreren Umfragen als Vegetarier. Wie krank! Oder?

Hitler war auch Vegetarier
Als Ernährungswissenschaftlerin mit einer großen Leidenschaft zur Ernährungspsychologie interessiert es mich natürlich brennend die Argumente von Jacobs und Neubacher zu erfahren. Diese sind aber mehr als schwach. Natürlich wird wieder die alte Mär vom vegetarischen Adolf Hitler ausgepackt. Abgesehen davon, dass es zahlreiche Belege dafür gibt, dass er Fleisch gegessen hat, weiß ich bis heute nicht, welche Schlüsse ich als Veganerin daraus ziehen soll. Eigentlich fremd-schäme ich mich immer in Grund und Boden, wenn jemand meint, das sei ein Argument gegen den Vegetarismus. Wenn alles nichts mehr hilft, kommt man eben mit der „Nazi-Keule“, das geht in Deutschland immer, ne?

Minderheit mobbt 90% der Bevölkerung
Die Tatsachen werden in diesem Bericht völlig verdreht. Da ist die Rede von Mitarbeitern, die in der Kantine gemobbt werden, weil sie sich für das Fleisch-Menü entscheiden und die „Wir haben es satt“-Demo, die in erster Linie gegen die grauenhafte Massentierhaltung auf die Straße ging, wird kurzerhand als Demo für gesunde Ernährung dargestellt. Eine Minderheit von 10% mobbt also die 90% die Fleisch essen. Spannende These. Denn Mobbing funktioniert eigentlich nur aus einer Machtposition heraus und eine Minderheit, wie das Wort schon sagt, befindet sich per se schon in einer schwächeren Position.

Chlorhühnchen ist völlig okay
Apropos Machtposition. Agrarindustrie und die Befürworter des Handelsabkommen TTIP dürften sich über den Spiegel TV Beitrag auch sehr gefreut haben. Man soll doch einfach essen was einem schmeckt und Chlorhühnchen sind voll okay, so das Fazit der Reportage. Wenn man sein Essen vorher in Chlordioxid, einem hoch giftigen Stoff eintunkt, ist das doch nicht gesundheitsschädlich. Sagen ja auch europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde und das Bundesinstitut für Risikobewertung. Selbst wenn es nicht gesundheitlich bedenklich ist (was ich nie im Leben glaube!), sollte man vielleicht mal die rosa-rote Brille abnehmen und hinterfragen WARUM es überhaupt erst nötig ist, Hühner in Gift zu tunken. An dieser Stelle möchte ich gerne einen Professor von mir zitieren, der in einer Mikrobiologie-Vorlesung sagte „Geflügel zu essen ist wie Russisch Roulette spielen. Durch die industrielle Hähnchenmast sind die Tiere so krank und mikrobiell belastet, dass man sich schneller eine Lebensmittelvergiftung und andere Krankheiten einfangen kann als man Huhn sagen kann“. Na Mahlzeit!

Gesundes Essen hält gesund, ist aber krank
Nun aber nochmal zum Thema „essgestört“. Als essgestört werden hier nämlich Menschen bezeichnet, die sich intensiv mit ihrer Ernährung auseinander setzen und Wert auf gesunde Nahrung legen. Gesundes Essen hält die Menschen zwar gesund, ist aber laut Jacobs und Neubacher ein krankhaftes Verhalten. Es gibt wirklich Menschen die ihre Lebensmittelauswahl ab absurdum treiben. Aber 7,8 Millionen Menschen eine generelle Essstörung zu unterstellen ist schon ein starkes Stück. Einfach das zu essen was einem vorgesetzt wird ohne zu hinterfragen wird als normales Verhalten erachtet. „Polemik“ wird sowas übrigens bei Spiegel TV genannt. „Großer Bullshit“ finde ich treffender.

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